Britta Windt, Pflegefachkraft bei Bettler, muss nicht lange überlegen, als die Mutter einer 14-jährigen Patientin den Wunsch äußert, sie möge sie und ihre Tochter Susann auf einer Urlaubsreise in ihr Heimatland Libanon begleiten. „Ich bin für Abenteuer“, lacht sie.
Also geht es los. Mit dem Flugzeug ca. vier Stunden in die Libanesische Republik. Am Flughafen werden sie von vielen Verwandten erwartet, die Wiedersehensfreude ist groß. Nach einem Jahr gibt es viel zu erzählen.
Vom Flughafen geht es weiter in ein kleines Dorf namens Toûlîne im Süden des Landes, ca. zwei Stunden von der Hauptstadt Beirut entfernt.
Es ist heiß und trocken, die Landschaft mit wenig Grün durchsetzt. Vor fünf Jahren war hier Krieg, zahlreiche Häuserneubauten, auch unfertige Gebäude zeugen noch davon. Bei der Fahrt durchs Land wird man an verschiedenen Kontrollposten von Männern mit Maschinengewehren kontrolliert. Auch französische Soldaten der UNO fallen Britta Windt auf. Sie erlebt eine zweiwöchige erfahrungsreiche und gar pulsierende Zeit.
„Die Menschen sind sehr herzlich, offen und gastfreundlich.“ Und weil das so ist, herrscht reges Kommen und Gehen. Die große Verwandtschaft gibt sich die Klinke in die Hand: es wird nie langweilig, immer ist Besuch da. Das kann für den westlichen Menschen, der vergleichbare Familienstrukturen nicht kennt, leicht zuviel Trubel werden. Auch an die laute arabische Aussprache und das Mitteilungsbedürfnis in Sachen Glauben muss sich Frau Windt erst gewöhnen.
Jeden Morgen und Abend wird zusammen gegessen. Das Frühstück gleicht dem in Deutschland: Käse, Rühreier und Marmelade, jedoch immer auf Reisbrot. Abends zur Essenszeit gegen 21 Uhr gibt es libanesische Küche mit viel Olivenöl, selbstgemachten Pommes Frites, Salat und Fladenbrot. Als Hauptgang werden gefüllte Zucchini, Weinblätter, Geflügel oder Suppe gereicht, Schweinefleisch steht in muslimischen Ländern bekanntermaßen nicht auf der Speisekarte. Das typische Getränk ist Schwarztee. Mokka wird mit Kaffeesatz getrunken. Alkohol gibt es nicht, auch nicht an Geburtstagen, dafür aber die Shishas, also Wasserpfeifen, die überall im Land verbreitet sind.
In Beirut ist ein Einfluss des Westens deutlich zu merken: am Denken und der Kleidung, während in Toûlîne wie auch allgemein im Süden des Landes „nie eine Frau im Minirock zu sehen ist“, erzählt Britta Windt. Hier bestehen nach wie vor sehr traditionelle Strukturen, ab einem bestimmten Alter müssen sich Frauen außer Haus immer bedecken, Zuhause nur in Gegenwart von Männern.
Abenteuerlich ist in Toûlîne neben dem Gang aufs Stehklo vor allem das Autofahren: „Wenn du schnell bist und ein großes Auto hast, schaffst du es über die Kreuzung.“ Anschnallen und Verkehrsregeln scheinen Fremdwörter und werden durch Hupe und Unerschrockenheit ersetzt.
Jedes Haus ist mit einem Notstromaggregat ausgestattet, da täglich zu einer bestimmten Zeit der Strom abgeschaltet wird. Britta Windt erinnert sich an ein Abendessen, als es zu einem außerplanmäßigen Stromausfall kam und das Aggregat nicht ansprang. Laptops und Handys dienten als Lichtquelle, während die Hausfrau auf die Suche nach Kerzen ging und der Hausherr versuchte, das Aggregat wieder in Gang zu bringen. Für uns stromverwöhnte Europäer unvorstellbar.
…fragte sich Britta Windt, als es darum ging, ans Meer zu fahren. Doch die Familie reagierte empört, da Frauen im Libanon grundsätzlich in voller Montur mit Kopftuch baden gehen. Nackte Haut ist höchst verpönt. Nach einer abenteuerlichen Fahrt mit Jeep, Kofferbus und 16 Personen haben sie es geschafft: Frau Windt watet in Jeans und T-shirt ins Wasser.
„Es war eine Erfahrung!“ Und die möchte Britta Windt nicht missen.
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