Dass Egon Stoll anlässlich meines Besuches mit am Tisch sitzt, ist ein kleines Wunder: im Mai 2010 erlitt er im Alter von nur 57 Jahren einen Schlaganfall. Es sei völlig überraschend gekommen, erzählt seine Frau, zuerst nur in Form von Sprachschwierigkeiten. Doch in der folgenden Nacht im Krankenhaus trat „vom Schlaganfall die schlimmste Form [ein], haben sie gesagt“, so Frau Stoll. Eine Hirnblutung zerstört große Teile des Gehirns, eine Aspirationspneumonie (Lungenentzündung) schwächt den Körper zusätzlich. Hinzu kommt, dass sich Egon Stoll im Krankenhaus einen Keim zuzieht, der eine Blutvergiftung auslöst. Seine Zehen werden schwarz, eine Amputation wird nur deshalb nicht durchgeführt, weil er zu schwach ist. Ärzte sprechen davon, dass er die Nacht wohl nicht überleben wird.
Doch der Vater von zwei Söhnen und einer Tochter lebt. Zuerst als Schwerstpflegefall mit Tracheostoma (Öffnung der Luftröhre) im Rollstuhl, bald als langsam Genesender.
Am 1.Dezember 2010 wird er entlassen und daheim geht es laut seiner Frau „millimeterweise aufwärts“ ohne weitere Rückfälle.
Seit Mitte Januar 2011 kümmert sich Pflege und Betreuung Bettler GmbH mit einem vierköpfigen Pflegeteam rund um die Uhr um Egon Stoll. Die anwesende Pflegefachkraft stellt die Vorzüge dieser Betreuungsform heraus: Man hat Zeit, sich individuell auf die Bedürfnisse des Patienten einzustellen, man lernt die Person so gut kennen, dass man sie besser einschätzen kann, was wiederum dazu führt, Komplikationen schneller zu erkennen und dementsprechend schnell darauf reagieren zu können. Dies ist im Pflegeheim so nicht möglich. Dort wären auch die großen und erfreulichen Fortschritte, die Herr Stoll bisher gemacht hat, höchstwahrscheinlich nicht eingetreten: „Es ist deutlich sichtbar, dass es ihm in der familiären Atmosphäre besser geht“, erzählt die Pflegerin. „Der Heilungsprozess ist deutlich schneller.“
Die anfangs erhebliche Menge an starken Schmerzmitteln, darunter auch Morphium, konnte herabgesetzt werden. Die Trachealkanüle wurde vor kurzem entfernt, die Sondennahrung reduziert und durch eine regelmäßige feste Nahrungsaufnahme ersetzt. Allerdings muss Egon Stoll das Gefühl für das Ess- und Trinkbedürfnis erst wieder neu entwickeln und auch das Tracheostoma muss noch heilen. Die Pflegekraft verdeutlicht, „dass wir uns erst am Anfang befinden“. Eine komplette Lähmung der rechten Körperhälfte als Folge des Schlaganfalls besteht nach wie vor.
Doch Herr Stoll selbst ist, seitdem er zu Hause ist, gelassener, was seinen Heilungsprozess betrifft. Die Angst, es könne alles zu langsam gehen, ist gewichen. Auch dadurch, dass er wieder mehr am alltäglichen Leben teilnehmen kann: mithilfe eines eigens installierten Treppenlifts kann er an die frische Luft, mit seinen Pflegekräften spielt er Mensch-ärgere-dich-nicht oder Mühle.
Der im Krankenhaus entstandene Dekubitus mit einem Durchmesser von 10 cm konnte fast geschlossen werden. Die Pflegerin ist begeistert: „Ich hab so was noch nie erlebt! Ich habe nicht gedacht, dass das heilen kann!“ Auch die Zehen seien wieder fast in Ordnung. Herr Stoll sei zudem viel klarer und wacher und begreife Zusammenhänge besser. Es ist unklar, ob sich die Sprach- und demnach auch Verständigungsschwierigkeiten geben werden, aber die Logopädin spricht von deutlichen Fortschritten in der Umsetzung.
Die nächsten Schritte sind nun ein kompletter Durchcheck in der Neurologie und das Wiedereinsetzen der Schädeldecke, die im Freiburger Krankenhaus im Zusammenhang mit dem Schlaganfall und der Hirnblutung entfernt worden war.
Natürlich gibt es auch schlechte Tage und Frau Stoll ist klar, „dass es nicht mehr so wird, wie es war, aber wir hoffen auf ein einigermaßen lebenswertes Leben, für ihn und für uns auch.“
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